
Was bringt so ein Kleidertauschladen überhaupt für den Klimaschutz? Ist das nicht nur so eine populäre Spielerei ohne Effekt?
Das haben wir vom 15.06.2026 bis zum 11.07.2026 mal genauer angeguckt und wirklich jedes Textilstück inkl. Schuhe und Taschen, das bei uns abgegeben wurde, gezählt. Eine Sisyphusarbeit, die unsere freiwilligen Helfer:innen da auf sich genommen haben, doch es hat sich gelohnt. Denn egal, mit welchen Werten man rechnet, die Ergebnisse sprechen für sich und wir haben richtig Lust, den Kleidertausch für euch und mit euch weiterzuführen.
Wer nun keine Lust hat, sich durch einen ganzen Blogbeitrag zu lesen, sondern das Ganze lieber in Grafiken anguckt, schaut am besten auf unserem Instagram-Kanal vorbei.
Eine einfach Klimabilanz:
1. Ausgangslage
In der Zeit vom 15.06 bis zum 11.07.2026 haben die Freiwilligen des Kleidertauschladens alle Kleidungsstücke inkl. Taschen und Schuhen, die während der Öffnungszeiten abgegeben wurden, dokumentiert. Zu Gewicht, Materialzusammensetzung oder Kategorie der abgegebenen und mitgenommenen Kleidung wurden aus Kapazitätsgründen keine Daten erhoben. In 4 Wochen wurden im Kleidertauschladen 3.169 Kleidungsstücke abgegeben inklusive Taschen und Schuhen. Der Laden war an 5 Tagen pro Woche für insgesamt 18 Stunden geöffnet (Mo/Di je 3 Std., Mi–Fr je 4 Std.).
2. Berechnungsgrundlage
Da CO₂- und Wasserwerte üblicherweise pro Kilogramm Textil angegeben werden, wird zunächst ein Gesamtgewicht geschätzt. Eine österreichische Studie (GLOBAL 2000) nennt ein Durchschnittsgewicht von 320 g pro Kleidungsstück. Eine Studie von Klooster et al. (2024) lässt den Schluss zu, dass die 320g für diesen Kontext eine Unterschätzung des tatsächlichen Durchschnittsgewicht ist. Zum einen sind im Ladenbestand zusätzlich Schuhe und Taschen enthalten, zum anderen besteht ein großer Teil der Kleidung aus eher schwereren Kleidungsstücken die nach Klooster et al. (2024) mit 450 – 500 g/Stück angegeben sind.
| Annahme | Ø Gewicht/Stück | Gesamtgewicht (3.169 Stück) |
| Untere Schätzung nach GLOBAL 2000 | 320 g | ≈ 1.014 kg (1,01 t) |
| Mittlere Schätzung (verwendet) | 400 g | ≈ 1.268 kg (1,27 t) |
| Obere Schätzung | 500 g | ≈ 1.585 kg (1,58 t) |
Alle folgenden Berechnungen nutzen die mittlere Schätzung von 1.268 kg (1,27 Tonnen), sofern nicht anders angegeben.
3. CO₂-Einsparung durch Wiederverwendung
Für die errechnete CO₂-Einsparung je Kilogramm wiederverwendeter Kleidung wird zum einen die konservative Schätzung aus dem EuRIC Bericht „LCA-based assessment of the management of European used textiles“ von 2023 genommen. Diese Studie arbeitet mit sehr konservativen Annahmen und überschätzt zudem die Transportwege der wiedergenutzten Kleidung, da dort das Worst Case Szenario mit 1.500 km pro Stück angenommen wurde. Deswegen wurden zum Vergleich eine weitere Studie von 2022 als auch Werte vom The Waste and Resources Action Programme (WRAP) genommen. Diese schlagen deutlich größere Einsparungen vor. Die Zahl des WRAP bezieht sich hierbei auf die Einsparungen bei Wiederverwendung von T-Shirts. Durch die im vorherigen Absatz genannten Bedingungen der Erhebung wird diese Zahl als solider Mittelwert gesehen. Saisonale Schwankungen im Gewicht der Kleidung wurden bei den Studien wie auch bei unseren Berechnungen nicht berücksichtigt.
| Quelle | kg CO₂e / kg Textil | Hochrechnung auf 1,27 t |
| EuRIC-Schätzung (konservativ) | 3,169 kg | ≈ 4,0 t CO₂e |
| WRAP (UK) | 11 kg | ≈ 13,9 t CO₂e |
| INTEXTER / UPC-Studie 2022 (obere Schätzung) | 25 kg | ≈ 31,7 t CO₂e |
4. Wassereinsparung
Für die Produktion eines Baumwoll-T-Shirts werden um die 2.500 Liter Wasser benötigt, für eine Jeans um die 8. 000 Liter. Für die Auswertung wird ein Mittelwert von 5.250 Litern angenommen. Dieser Wert wird hier als grober Anhaltspunkt pro Kleidungsstück verwendet – er unterschätzt wasserintensive Teile wie Jeans und überschätzt synthetische Fasern, dient also nur der Größenordnung.
| Kennzahl | Wert |
| Wasser gesamt (3.169 × 5.250 l) | ≈ 16,63 Mio. Liter |
5. Abfallvermeidung & weitere Effekte
- ≈ 1,27 Tonnen Textilien wurden dem Restmüll bzw. der Verbrennung entzogen und blieben im Nutzungskreislauf.
- Jedes weitergegebene Kleidungsstück erspart die vorgelagerten Prozesse einer Neuproduktion (Rohstoffanbau, Färben, Weben, Transport).
- Studien zeigen: Eine Verlängerung der Nutzungsdauer eines Kleidungsstücks um neun Monate senkt dessen CO₂-, Wasser- und Abfall-Fußabdruck um 20–30 %. Jedes im Laden weitergegebene Stück wirkt in diese Richtung. (INTEXTER 2022)
6. Durchsatz des Ladens
Aufgrund fehlender Erhebung zur Mitnahme lassen sich nur sehr eingeschränkt und wenig belastbar Aussagen zur Auslastung des Ladens machen. Folgende Statistik lässt sich aus den vorhandenen Zahlen während der Erhebungszeitraums anfertigen.
| Kennzahl | Wert |
| Öffnungsstunden pro Woche | 18 Std. (Mo/Di 3 Std., Mi–Fr 4 Std.) |
| Kleidungsstücke je Öffnungsstunde | ≈ 40,6 Stück |
| Kleidungsstücke je Öffnungstag | ≈ 146 Stück |
7. Hochrechnung
Die letzte Hälfte des Erhebungszeitraumes lag in den Sommerferien. Obwohl dieser also nur 4 Wochen im Frühsommer betrug, sehen wir diesen Zeitraum aufgrund der meteorologischen und kulturellen Bedingungen in der Stadt Bremen als auch den Erfahrungswerten der letzten Jahre als repräsentativ für ein Kalenderjahr an. Bei einfacher linearer Hochrechnung ergäben sich folgende Werte.
| Kennzahl | Hochrechnung Jahr |
| Kleidungsstücke | ≈ 38.028 Stück |
| Gewicht (bei 400 g/Stück) | ≈ 15,2 Tonnen |
| CO₂ gespart – konservativ (3,169 kg/kg) | ≈ 48 t CO₂e |
| CO₂ gespart – Mittelwert (11 kg/kg) | ≈ 167 t CO₂e |
| CO₂ gespart – obere Schätzung (25 kg/kg) | ≈ 380 t CO₂e |
| Wasser | ≈ 200 Mio. Liter |
Einordnung der Größenordnung
- Der durchschnittliche CO₂-Fußabdruck einer Person in Deutschland liegt bei rund 11 Tonnen pro Jahr. Mit der mittleren Annahme von 13,9 t hat der Laden hat also in einem Monat etwa den Jahresfußabdruck einer einzelnen Person eingespart (Umweltbundesamt, 2024).
- Ein Kurzstreckenflug Bremen–München verursacht ca. 195 kg CO₂ pro Passagier. 13,9 Tonnen entsprechen damit rund 71 vermiedenen Kurzstreckenflügen. (MyClimate, 2026)
- Die illustrative Ersparnis von 16,63 Mio. Litern Wassern entspricht dem jährlichen Trinkwasserverbrauch (Ø 126 l/Person/Tag) von 362 Menschen aus Deutschland (Umweltbundesamt, 2024).
Quellen
- GLOBAL 2000 (n.d.), Alte Textilien. https://www.global2000.at/alte-textilien
- Hins J. (2023), Study | LCA-based assessment of the management of European used textiles. EuRIC. https://euric.org/resource-hub/reports-studies/study-lca-based-assessment-of-the-management-of-european-used-textiles.
- INTEXTER – UPC Universitat Politècnica de Catalunya (2022), Reusing 1 kg of clothing saves 25 kg of CO2 according to a study by INTEXTER – UPC Universitat Politècnica de Catalunya. https://www.upc.edu/en/press-room/news/reusing-1-kg-of-clothing-saves-25-kg-of-co2-according-to-a-study-by-intexter.
- Klooster A, Bellostas BC, Henry M, Shen L. Do (2024), We Save the Environment by Buying Second-Hand Clothes? The Environmental Impacts of Second-Hand Textile Fashion and the Influence of Consumer Choices. Circular Economy. 2024;2(3). doi:10.55845/zzug7076
- Myclimate S. Berechnen Sie Ihre Emissionen und schützen Sie das Klima! | myclimate Deutschland. Myclimate. https://germany.myclimate.org/de/portfolios?calculation_id=8699520.
- Umweltbundesamt (2024), Wassernutzung privater Haushalte. Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/wohnen/wassernutzung-privater-haushalte#grnes-blaues-und-graues-wasser.
- WRAP – The Waste And Resources Action Programme (2026), Textiles Resource hierarchy – product reuse. https://www.wrap.ngo/resources/guide/textiles-resource-hierarchy-product-reuse?auHash=vJECGTLUEfRwrYnbJ0f1Rj13-xqsKrDyjrFGgEca538.
